Die Wüste mit Wasser füllen

Free des(s)ert for everyone

Die weltweiten Vorgänge in den letzten Monaten haben sprichwörtlich genau das erzeugt, worum es – dem Titel nach – im Song von INA INA geht: Eine Wüste. Interaktionen waren und sind immer noch stark eingeschränkt, und vor allem Künstler jeglicher Art, die ihre Arbeit intensiv auf das Zusammentreffen von Menschen fußen, können nicht auftreten. Vielen Kreativen sind so viele Einnahmen weggebrochen.
Der Lockdown hatte gleichzeitig für viele Künstler zur Folge, dass wie selten zuvor Neues geschaffen, aufgeräumt, bearbeitet und veröffentlicht wurde. Wie weit und lange das gut geht, und ob nun kostenlose Downloads und unentgeltliche Konzerte via Streaming zur neuen Normalität werden (sollten), ist ein komplett eigenes Thema.

Personal desert

Lange vor diesem Zustand haben INA INA den Song Desert herausgebracht. Wir spielten 2018 ein Doppelkonzert zusammen, damals hießen sie noch EXCRM. Wir waren uns recht schnell sympathisch, und wenig später hatte ich die Idee, einen Remix für die Band zu schaffen.
Der Song Desert, übrigens mit einem schönen Video, ist eine angenehme Indie-Pop-Nummer über Sehnsucht, Rückblick und Rückkehr. Mich hat sehr schnell die leichte Melancholie, die dem Song einen Schimmer der Unerreichbarkeit überträufelt, fasziniert und inspiriert.

Kill your darlings, fast

Meistens habe ich irgendeine kleine Idee, mit der ich einen Remix oder Song beginne. Oft bleibt diese nicht mehr als ein Startpunkt, von dem aus ich losgehe und schließlich ganz woanders herauskomme. Wie eine Skizze, die am Ende nicht mehr viel mit dem Ursprung zu tun hat. Oft tut es weh, sich dann von seinen Ideen zu verabschieden, nachdem man Stunden oder Tage hineingesteckt hat, aber man sich eingestehen muss, dass die Idee zuviel oder falsch platziert ist.

Desert verwendet bei den Leadvocals den typischen Autotune-Effekt. Für mich schafft dieser vordergründig technische Aufsatz immer eine Distanz, als würde jemand durch dickes Plexiglas singen. In meinen Produktionen (vor allem für andere) habe ich auch zart diesen Effekt bereits verwendet, allerdings entweder für Backings oder vehement offensichtlich.

Für mich schrie die Kompaktheit des Originals durch die leise, friedliche Dynamik und den getuneten Gesang nach zweierlei Dingen: Einerseits einer entspannteren Gangart (kein Dance-Remix mit 120+ BPM!), und andererseits nach lebendigen Elementen, die dem Song eine neue Kurve verleihen. Kann ich die Idee der Sehnsucht und des Versprechens von Rückkehr und Beisammensein weiterschreiben? Oder töte ich den Liebling von jemand anderem?

Bear your darlings then

Im Falle dieses Remixes – oder Reworks, wenn man von der Intensität der Umgestaltung ausgeht – entwickelte ich als Basis ein souliges E-Gitarren-Sample und einen entspannten Beat, der irgendwo in Richtung Downtempo und Trip-Hop geht, versöhnt von einem groovigen E-Bass. Für Trip-Hop ist der Sound eigentlich zu euphorisch und von Melodien durchtränkt. Als ich dann die Grundelemente versammelt hatte, entschied ich mich, einen neuen Schritt zu gehen: Die Stimmung und den Text weiterzutragen und einen Rap zu schreiben, der meine Perspektive zur (vermutlich) erzählten Geschichte liefert. Ein bisschen erinnerte mich die Idee mit Downbeat und Raps an die 90er Massive Attack – insofern doch wieder ein bisschen Trip-Hop-Couleur.

Dazer with my laser

Ich hatte zuvor noch nie einen Rap geschrieben, erst recht nicht auf englisch. Pop-Songs sind in der Regel, vom Textaufwand und -umfang, ganz anders gestrickt und eher mit Lyrik vergleichbar. Vergleichsweise kurz, komprimiert, und mehr oder weniger nur verständlich und linear.
Bei einem Rap kommt man schnell mit einem solchen Werkzeugkasten an die Grenzen. Rhythmus und Reim sind essentiell (viele meiner Songs verzichten auf Reime, oder nutzen sie nur spärlich), ohne kontinuierlichen und sich entwickelnden Flow läuft da nüscht. Und mit lyrikhaften Textandeutungen kann ich auch nicht mehr arbeiten, deutlich mehr Text war gefragt, auch wenn es nur eine zusätzliche Strophe werden sollte.
Da ich kein Muttersprachler bin, lagen ein Reimelexikon und ein englisches Wörterbuch auf meinem Tisch parat.

Keine Ahnung natürlich, wie ich mich geschlagen habe. Ich mag meinen Text und meinen ersten Versuch, und auch den Umstand, dass ich trotz der Textform nicht zu ernst, offensichtlich und eindeutig geworden bin („was will uns der Autor damit sagen?“), mir also meinen Raum bewahren konnte. Mit meinen Backingsvocals am Schluss gab ich dem Song sogar noch ein gospel-angedeutetes Finale. Ein Gesangssolo habe ich dann schließlich noch gekillt und gekürzt als Autotune-Kolorit untergebracht.

Habt Ihr den Song schon gehört? Gibt es als kostenlosen Download und Stream. Und bald auch als Mikromusikvideo.